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Lars Harmsen, eigener Herr des Tages!

»So manches Projekt hat seinen Ursprung in dem Hunger, eigener Herr des Tages zu sein.«

Kimberly Lloyd
03.04.10

Lloyd: Die Öffentlichkeit nimmt fast ausschließlich Deine fertigen Produkte und Publikationen wahr, ohne einen Einblick in den Entstehungsprozess, den Aufwand hinter ihnen zu haben. Wie sieht eigentlich eine durchschnittliche Woche in Deinem Leben aus?

 

Harmsen: Die Regel: Wecker um 6:30 wenn ich nicht von alleine wach werde. Sobald mein Sohn aus dem Haus ist mit dem Rad zur Arbeit, immer einen anderen Weg - Frischluft tanken und Gedanken schweifen lassen. Gegen 8:00 im Büro und die Ruhe vor dem Sturm um 9.30 genießen, wenn alle eintrudeln. Erstes Gebot: den Tag nicht mit mailen anfangen, sondern mit Konzeption oder Gestaltung. Ich verbringe zum Glück viel Zeit mit Gestaltung (50%), obwohl ich zwischen dem Büro in Karlsruhe (Magma) und München (Melville) pendel und mit der Geschäftsführung einiges an Verantwortung trage. 30 % meiner Zeit ist Creatvie Direction bzw Team-Meetings oder Gespräche mit Kunden. 10% Verwaltung. 10% Unterricht an der Hochschule Pforzheim. Ich verbringe einige Zeit im Zug, entweder auf dem Weg nach München, Karlsruhe oder zu Events wie Vorträgen, Konferenzen etc. Das mache ich allerdings ganz gerne. Zeit für ungestörtes denken, arbeiten, lesen, schreiben. An 2 bis 3 Abenden grübele ich rum, mache Notizen, die ich am nächsten Morgen kaum entziffern kann, schreibe Texte, schmiede Pläne. Ansonsten Familie, Freunde, zusammen essen, trinken, chillen. Eine Runde Bike-Polo spielen gehen oder ein paar Bahnen schwimmen.

 

Lloyd: Automobilhersteller, Flugunternehmer und die gesamte Gastronomie - anscheinend bleibt niemand von den Auswirkungen der Wirtschaftskrise verschont. Zumindest klingt es so in den Medien. Wie steht es um die Design-Branche? Ist sie angeschlagen?

 

Harmsen: Natürlich ist die Design-Branche abhängig von seinen Auftraggebern. Weizen trennt sich allerdings vom Spreu. Jede Krise bereinigt den Markt. Das Rezept "Bauchladen" geht nicht mehr auf. Ich sehe es als Chance. Sehen allerdings nicht alle so! Denn wie wäre es sonst zu erklären, dass ausgerechnet die Partei am meisten Zuwachs bekommt, die den grenzenlosen Kapitalismus zum Programm macht. Dabei ist es die Gier der Banken und Finanzwelt welche das System in die Krise geführt hat.

 

Lloyd: Designers Republic hat u. a. die schlechte Zahlungsmoral eines Großkunden in die Insolvenz gebracht. Wurdest Du schon mit der globalen Wirtschaftskrise konfrontiert?

 

Harmsen: Wir haben keinen unserer Kunden verloren. Nur haben einige wirklich hart zu kämpfen und wollen oder können kein Geld für Design oder Werbung ausgeben. Jetzt sind wir zwölf und nicht mehr fünfzehn. Jemandem aus wirtschaftlichem Grund eine Kündigung aussprechen zu müssen ist eine sehr schmerzhafte Erfahrung.

 

Lloyd: Magazine kämpfen ums Überleben. Vibe und Blender werden eingestellt. Galore ist online verfügbar. Andere leiden zumindest an massivem Anzeigenschwund. Wie finanzierst Du Slanted?

 

Harmsen: Slanted finanziert sich leider noch nicht. Die Druckkosten werden durch den Verkauf gedeckt, die Arbeit durch die Anzeigen. Und da ist es zur Zeit fast unmöglich, den Schnitt zu machen. Unser Glück ist, dass der Blog immer noch steile Zuwächse bekommt. Die Kunden sind mit den Click-Raten der Banner-Schaltungen sehr zufrieden. Wir halten den Atem an. Apnoe.

 

Lloyd: Einige Zeitungen bieten neben Ihren Gratis-Inhalten kostenpflichtige Online-Abonnements für tiefergehende Artikel an. Hältst Du das für eine langfristig sinnvolle Strategie?

 

Harmsen: Nein. Internet ist ein Sprinter, Print ein Langstecken-Läufer. Für mich zumindest ist lesen im Netz immer noch mit Augenkrebs verbunden. Ein Print-Produkt mit Genuss.

 

Lloyd: Gestalterische Arbeit erscheint vielen als schwer finanziell berechenbare Dienstleistung. Hältst Du Designer im Allgemeinen für fähige Geschäftsführer?

 

Harmsen: Für fähige Geschäftsführer auf jeden Fall. Ob sie dabei gute Geschäftsleute sind ist eine andere Frage.

 

Lloyd: Wie hältst Du die Balance aus wirtschaftlichem Denken und Deinen Wünschen als Gestalter? Kommen diese beiden Rollen sich in die Quere?

 

Harmsen: Dienstleister versus Künstler? Ich kenne meinen Wert. Für einen guten Job gutes Geld zu bekommen ist wichtig. Ich brauche diese Form der Anerkennung. Darüber hinaus ist die Autorenschaft ein Motor für Zufriedenheit. Ich liebe Slanted, mich befriedigt Volcano-Type, unser Fontlabel. So manches Projekt hat seinen Ursprung in dem Hunger, eigener Herr des Tages zu sein. 

 

Lloyd: In den 80ern wurde die Krise mit grellen Farben überschminkt. Die fetten 90er kreierten den „Heroin-Chic“. Gibt es zur Zeit ein „Design der Krise“? Wird alles bunter oder hält man sich dezent zurück?

 

Harmsen: Post-Öko-Schick-Nachhaltigkeits-Design ist die Antwort vieler. Eine andere Antwort liefert vielleicht Ramstein in seinem neustem Video (sorry, das wollte ich nicht schreiben. :-)

 

Lars Harmsen (Dipl.-Des.) hat Visuelle Kommunikation an der HS Pforzheim studiert. Er ist Geschäftsführer von MAGMA Brand Design und hat das Unternehmen gemeinsam mit Uli Weiß gegründet.

Magma Brand Design

"Magma" ist eine Designagentur mit den Schwerpunkten Corporate und Brand Design. Sie verstehen Design funktional und emotional – als Mittel zur Kommunikation von Informationen, Werten und Haltungen. Als Medium zur Generierung von Aufmerksamkeit und Nachhaltigkeit. Und als Möglichkeit, Marken erfahrbar und erlebbar zu machen. Über Analyse, Beratung und Konzeption begleiten wir Projekte in unterschiedlichen Medien, entwickeln außergewöhnliche oder mutige Kommunikationsstrategien, setzen wirkungsvolle und hochwertige Designlösungen um.



 
Steckbrief: Lars Harmsen
 
Zur Person
 
 

Was ist …

Ihr Beruf? Designer

Das Beste an Ihrer Arbeit? Ideen haben dürfen und diese umsetzen

Das Nervigste an Ihrer Arbeit? Unwissende, die Beratungsresistent sind

Ihre liebste Beschäftigung? Ideen haben

Kunst oder Design? Beides

2D oder 3D? Beides

72 ppi oder 300 dpi? 300 und mehr

 

Ich …

liebe … meine Frau und meinen Sohn
hasse … warten

glaube an … happy accidents

bewundere … besitzlose arme Teufel, die keine Alternativen haben und mit ihrem Leben verdammt glücklich sind

danke… die Liste wäre hier zu lang

 

Ich bin…

interessiert an … zu vielem

beeinflusst von … allem

Ich möchte …alles … essen. Ausser Kutteln.

e-mailen … verbieten.

Madonna … in den Hintern treten.

Picsou … mein ganzes Geld vermachen.


ARCHIV: INTERVIEW (08)

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